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RatgeberBeruflich neu orientieren mit Mitte 20
Wenn du mit Mitte oder Ende 20 merkst, dass dein Beruf sich nicht mehr richtig anfühlt, bist du nicht zu spät dran. Früh im Berufsleben ist vieles noch offen und lässt sich korrigieren. Hier findest du Fragen, mit denen du herausfindest, was zu dir passt, typische Denkfehler, die Wege, die dir offenstehen, und was du zu Ausbildung, Studium und Förderung wissen solltest.
Ist es mit 25 zu spät, sich neu zu orientieren?
Kurze Antwort: Nein. Deine erste große Berufsentscheidung hast du wahrscheinlich mit 16, 18 oder 20 getroffen – zu einem Zeitpunkt, an dem man kaum wissen kann, wie ein Arbeitsalltag wirklich aussieht. Du hast damals mit den Informationen entschieden, die du hattest. Dass sich diese Wahl ein paar Jahre später nicht mehr stimmig anfühlt, ist kein Versagen. Es heißt nur, dass du inzwischen mehr über dich weißt.
Mitte 20 hast du außerdem Zeit auf deiner Seite: Eine Ausbildung, ein Studium, ein Quereinstieg – vieles steht dir noch offen, und je früher du hinschaust, desto mehr Raum bleibt, Neues auszuprobieren. Dieser Artikel geht um die Frage, wohin es beruflich gehen könnte. Ob du deine jetzige Stelle verlassen solltest, ist eine eigene Entscheidung; dafür gibt es Job kündigen oder bleiben?.
Ein gerader Lebenslauf ist nicht der einzige Weg
Mein eigener Weg war alles andere als gerade: Konditorin, Schichtarbeit am Fließband, Verkauf, Kundenservice, Assistenz der Geschäftsführung, Buchhaltung – insgesamt neun Jobs, dazu drei angefangene Studiengänge, zwei abgeschlossene Ausbildungen und zwei Weiterbildungen. Ich habe mich beruflich immer wieder neu erfunden – nicht aus Lust an Veränderung, sondern weil ich immer wieder an diesem einen Punkt stand: „Das kann es noch nicht gewesen sein."
Ich erzähle das nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Beispiel dafür, dass ein Weg mit Umwegen und Abbrüchen trotzdem weitergeht.
Vier Denkfehler, die eine Neuorientierung ausbremsen
„Ich habe schon zu viel investiert, um jetzt noch zu wechseln."
Die Jahre in Ausbildung, Studium oder Job sind nicht verloren, wenn du die Richtung änderst. Was du dort gelernt hast – fachlich und über dich selbst –, nimmst du mit. Die Frage ist nicht, was du schon hineingesteckt hast, sondern ob du die nächsten Jahre so verbringen willst.
„Ich muss erst genau wissen, was ich will."
Wer darauf wartet, dass die Antwort von selbst kommt, kann lange warten. Klarheit entsteht eher durch Ausprobieren als durch Grübeln: ein Gespräch mit jemandem aus dem Beruf, ein Hospitationstag, ein Kurs. Du musst nicht wissen, wo du ankommst, um den nächsten kleinen Schritt zu gehen.
„Der neue Beruf muss meine Leidenschaft sein."
Nicht jeder kann sein Hobby zum Beruf machen – aber jeder kann einen Weg finden, der zu ihm passt. Davon bin ich überzeugt. Ein Beruf muss nicht jeden Tag begeistern. Es reicht oft, wenn die Tätigkeit zu deinen Stärken passt, der Rahmen zu deinem Leben und du am Ende des Tages nicht leer bist.
„Neuorientierung heißt, alles hinzuschmeißen."
Eine Neuorientierung kann neben dem Job beginnen: Informationen sammeln, eine Beratung, eine Weiterbildung, ein Praktikum im Urlaub. Eine Kündigung steht, wenn überhaupt, eher am Ende als am Anfang.
Wie finde ich heraus, was zu mir passt?
Bevor du über konkrete Berufe nachdenkst, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf dich selbst. Beantworte diese Fragen am besten schriftlich:
- Was gibt dir Energie, was zieht sie ab? Denk an konkrete Tage: Wann bist du zufrieden nach Hause gegangen, wann ausgelaugt?
- Worüber vergisst du die Zeit?
- Was fällt dir leicht, worüber andere sich wundern? Talente, die dir selbstverständlich vorkommen, übersiehst du leicht.
- Was sagen Menschen, die dich gut kennen? Frag zwei, drei Leute, worin sie dich stark sehen.
- Was willst du auf keinen Fall mehr? Dreh jeden Punkt um: Aus „nicht den ganzen Tag allein am Rechner" wird „mit Menschen arbeiten".
Es geht nicht darum, sofort die eine Antwort zu finden, sondern ein Gefühl für Richtungen zu bekommen. Wenn du dabei Anregungen von außen brauchst, bietet die Bundesagentur für Arbeit zwei Selbsterkundungs-Tools an. Check-U ist laut der Agentur ein kostenloser, anonymer Test ohne Registrierung, der über 600 Ausbildungsberufe und, wenn du eine Hochschulreife hast, über 360 Studienfächer abdeckt und etwa 80 Minuten dauert; deine bisherige Berufserfahrung berücksichtigt er allerdings nicht. Für Berufstätige gibt es New Plan, das inzwischen in das Portal „mein NOW" der Bundesagentur integriert ist. Ein Test ersetzt nicht dein eigenes Urteil, kann aber Richtungen zeigen, an die du noch nicht gedacht hast.
Aus einer vagen Idee einen prüfbaren nächsten Schritt machen
„Etwas mit Menschen" oder „etwas Kreatives" ist ein Anfang, aber noch keine berufliche Richtung. Übersetze solche Wünsche in Tätigkeiten: Willst du erklären, organisieren, gestalten, zuhören oder etwas mit den Händen herstellen? Schreib daneben, in welchem Rahmen du das gern tun würdest. Ein Gespräch mit Kundinnen und Kunden im Laden ist ein anderer Alltag als Unterricht, Pflege oder telefonischer Support.
Nimm zunächst zwei Richtungen, die dich interessieren. Du musst dich damit noch nicht festlegen. Für jede Richtung kannst du dieselben Fragen beantworten:
- Was tue ich dort tatsächlich? Suche konkrete Aufgaben statt nur einen attraktiven Berufstitel.
- Was bringe ich schon mit? Notiere Kenntnisse und Tätigkeiten aus Ausbildung, Arbeit und Alltag, die dafür relevant sein könnten.
- Was fehlt mir? Unterscheide einen notwendigen Abschluss von Fähigkeiten, die du dir erst aneignen möchtest. Prüfe Anforderungen bei Ausbildungsstellen, Hochschulen oder konkreten Arbeitgebern.
- Was muss im Alltag passen? Denk an Einkommen, Arbeitszeiten, Fahrtweg und die Zeit, die du für Lernen aufbringen kannst.
- Welche offene Frage kann ich als Nächstes klären? Zum Beispiel durch ein Gespräch über den Arbeitsalltag oder eine Anfrage nach einer Hospitation.
Vergleiche danach nicht „mein jetziger Job" mit „mein perfekter Wunschberuf". Vergleiche zwei möglichst konkrete Möglichkeiten samt ihren offenen Punkten.
Welche Wege es gibt – und was du dazu wissen solltest
Im eigenen Feld die Richtung wechseln
Nicht jede Neuorientierung heißt Neuanfang. Manchmal passt dein Beruf, aber nicht die Branche – oder die Branche passt, aber nicht dein Aufgabenfeld. Dann kannst du vieles von dem mitnehmen, was du schon kannst.
Eine zweite Ausbildung
Eine neue Ausbildung muss nicht so aussehen wie die erste mit 16. Das Berufsbildungsgesetz sieht zwei Stellschrauben vor: Nach § 8 BBiG muss die zuständige Stelle die Ausbildungsdauer auf gemeinsamen Antrag von dir und dem Ausbildungsbetrieb kürzen, wenn zu erwarten ist, dass du das Ziel in der kürzeren Zeit erreichst. Und nach § 7a BBiG kann eine Ausbildung in Teilzeit laufen, wenn ihr das im Ausbildungsvertrag vereinbart; die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit wird dabei um höchstens 50 Prozent gekürzt, und die Gesamtdauer verlängert sich, grundsätzlich höchstens auf das Eineinhalbfache.
Zur Finanzierung: Die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) der Agentur für Arbeit ist ein Zuschuss, den du nicht zurückzahlen musst. Wer schon eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat, kann sie laut der Agentur aber nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen für eine zweite Ausbildung bekommen. Ob das für dich gilt, klärst du direkt mit der Agentur.
Berufsabschluss nachholen
Wenn du bisher ohne Berufsabschluss arbeitest, gibt es eine eigene Förderung: Mit der Initiative Zukunftsstarter fördert die Agentur für Arbeit unter anderem Umschulungen und Vorbereitungslehrgänge auf die Externenprüfung. Förderfähig sind laut der Agentur Beschäftigte ohne Berufsabschluss und unter bestimmten Bedingungen auch Menschen mit Abschluss, die seit mindestens vier Jahren eine an- oder ungelernte Tätigkeit ausüben. Übernommen werden können zum Beispiel Lehrgangs-, Fahrt- und Kinderbetreuungskosten.
Ein (anderes) Studium
Auch ein Studium ist Mitte 20 noch gut möglich. Nach § 10 BAföG gibt es keine Förderung mehr, wenn du zu Beginn des Ausbildungsabschnitts das 45. Lebensjahr vollendet hast; das Gesetz nennt dazu Ausnahmen. Ob du nach einem abgebrochenen oder abgeschlossenen ersten Studium oder einer Ausbildung gefördert wirst, hängt von weiteren Regeln ab; das beantwortet das zuständige Amt für Ausbildungsförderung.
Weiterbildung neben dem Job
Eine Weiterbildung parallel zur aktuellen Stelle hält dein Einkommen stabil und öffnet trotzdem neue Türen. Für Beschäftigte kann die Agentur für Arbeit Lehrgangskosten teilweise oder vollständig übernehmen; Weiterbildung und Bildungsträger müssen dafür zugelassen sein, die Förderung läuft gemeinsam mit deinem Betrieb, und in der Regel muss er sich an den Kosten beteiligen. Für Aufstiegsfortbildungen wie Meisterin, Fachwirt oder Technikerin gibt es das Aufstiegs-BAföG, für das laut der offiziellen Seite keine Altersgrenze gilt. Wenn du in Baden-Württemberg arbeitest, kann außerdem die Bildungszeit interessant sein.
Quereinstieg
In manchen Feldern kommst du auch ohne klassischen Abschluss hinein, über Erfahrung oder einen Einstieg auf einer anderen Position. Was realistisch ist, hängt stark vom Beruf ab – frag Menschen, die dort arbeiten.
Entscheidungshilfe: kleiner Schwenk oder Neuanfang?
Wenn du zwischen „im Feld bleiben" und „ganz neu anfangen" schwankst, helfen diese Gegenüberstellungen. Sie entscheiden nichts für dich, zeigen aber, in welche Richtung deine Antworten zeigen.
- Eher ein Schwenk im eigenen Feld, wenn dich vor allem das Umfeld, die Branche oder einzelne Aufgaben stören, du deine Tätigkeit an guten Tagen aber gern machst.
- Eher eine Weiterbildung, wenn die Richtung stimmt, du aber mehr Verantwortung, andere Schwerpunkte oder bessere Aussichten willst.
- Eher eine neue Ausbildung oder ein Studium, wenn dich die Tätigkeit selbst kaum noch interessiert und deine Ideen in eine ganz andere Richtung gehen, für die ein Abschluss nötig ist.
- Eher erst ausprobieren, wenn du zwei Richtungen spannend findest, aber vom Alltag dort noch wenig weißt.
Wenn du gerade gar keine Richtung siehst und vor allem weißt, dass es so nicht bleiben soll, ist der Wegweiser in Unzufrieden im Job – was tun? ein besserer Startpunkt. Und wenn du merkst, dass du dich von deiner Arbeit schon innerlich verabschiedet hast, findest du in Innerlich gekündigt? Fragen zur Selbstprüfung.
Klein anfangen, bevor du alles umwirfst
- Hineinschnuppern: Ein Praktikum, ein Hospitationstag oder ein Nebenjob im Wunschfeld zeigt dir schnell, ob die Realität zu deiner Vorstellung passt.
- Mit Menschen reden, die es schon machen: Ein ehrlicher Einblick in den Alltag sagt mehr als jede Stellenbeschreibung.
- Nebenprojekte: Vieles lässt sich abends oder am Wochenende ausprobieren, bevor du es zum Beruf machst.
Mit offenen Fragen in die Berufsberatung gehen
Die Berufsberatung im Erwerbsleben der Agentur für Arbeit richtet sich an Beschäftigte und beruflich Wiedereinsteigende und berät zu Weiterbildung, Quereinstieg, Wiedereinstieg und Berufswechsel, vor Ort oder per Video. Dort kannst du auch nach den Voraussetzungen und möglichen Förderangeboten für einen konkreten Weg fragen. Eine Förderung ist damit noch nicht zugesagt; lass prüfen, was für deine Situation infrage kommt.
Du brauchst keinen fertigen Plan, um einen Termin sinnvoll zu nutzen. Eine kurze Notiz reicht als Vorbereitung: dein bisheriger Weg, was du an der aktuellen Arbeit behalten möchtest, was anders werden soll und welche Richtungen du prüfen willst. Wenn du noch keine Richtung nennen kannst, schreib genau das auf. Die Frage „Welche Möglichkeiten ergeben sich aus meiner bisherigen Erfahrung?" ist konkreter als der Anspruch, vor dem Termin schon deinen nächsten Beruf zu kennen.
Halte nach dem Gespräch fest, welche Frage beantwortet wurde und was du noch nachsehen musst. Welche Anlaufstellen es in der Region gibt – auch wenn du noch in Schule, Ausbildung oder Studium bist –, steht in Berufliche Orientierung in Reutlingen: Anlaufstellen im Überblick.
Häufige Fragen zur Neuorientierung mit Mitte 20
Kann ich mit 25 oder 28 noch eine Ausbildung anfangen?
Ja. Ob ein Betrieb dich nimmt, entscheidet er selbst, aber das Berufsbildungsgesetz bietet gerade für Erwachsene mit Vorerfahrung zwei Stellschrauben: Nach § 8 BBiG kann die Ausbildungsdauer auf gemeinsamen Antrag gekürzt werden, wenn zu erwarten ist, dass du das Ziel schneller erreichst. Nach § 7a BBiG ist eine Ausbildung auch in Teilzeit möglich.
Muss ich kündigen, um mich beruflich neu zu orientieren?
Nein. Informationen sammeln, eine Berufsberatung, ein Selbsterkundungs-Tool wie Check-U, ein Hospitationstag oder eine Weiterbildung lassen sich neben dem Job erledigen. Eine Kündigung ohne Anschluss kann Folgen haben, zum Beispiel beim Arbeitslosengeld. Was du dann vorher klären solltest, steht in Wenn du gehst: was du vorher klären solltest.
Was mache ich, wenn ich gar nicht weiß, was mich interessiert?
Fang mit dem an, was du sicher weißt: was dir Energie gibt, was dich auslaugt und was du auf keinen Fall mehr willst. Dreh die Nicht-will-Punkte in Kriterien um. Ein Test wie Check-U kann zusätzlich Richtungen zeigen. Wenn du vor allem spürst, dass etwas nicht stimmt, ist Unzufrieden im Job – was tun? ein guter Startpunkt.
Wird eine zweite Ausbildung finanziell gefördert?
Das hängt von deiner Situation ab. Die Berufsausbildungsbeihilfe gibt es laut der Agentur für Arbeit nach einer abgeschlossenen Ausbildung oder einem abgeschlossenen Studium nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Wenn du zwar einen Abschluss hast, aber seit mindestens vier Jahren an- oder ungelernt arbeitest und deinen erlernten Beruf nicht mehr ausübst, kann laut Agentur Zukunftsstarter infrage kommen. Was für dich gilt, klärst du am besten in der Berufsberatung.
Wie erkläre ich Umwege im Lebenslauf?
Ehrlich und knapp. Du musst einen Wechsel nicht rechtfertigen, aber du kannst erklären, was du aus jeder Station mitnimmst und warum die neue Richtung besser zu dir passt. Ein Abbruch ist auch eine Information: Du hast gemerkt, was nicht passt, und daraus eine Entscheidung gemacht. Bereite dafür zwei, drei Sätze vor, die du in einem Gespräch ruhig sagen kannst.